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Wörter sind gefährlich.

„Aber so meine ich das doch nicht,“ höre ich als Antwort. Oftmals. Wenn ich der Versuchung erliege, eine andere Person im Gespräch darauf hinzuweisen, was da gerade in ihren Worten mitgeschwungen hat. Die Aussage ist ein Abwehrreflex, eine Verteidigung. Als könnte die Sprecherin allein darüber entscheiden, welche Bedeutung ihre Aussagen haben. NOT.

In manchen Fällen ist das nicht besorgniserregend. In so einer Situation beispielsweise: Gruppe sitzt gemütlich bei einem Bier, und philosophiert schön intellektiv über die schönen Künste. A lästert mit B über Bon Jovi und fragt mich dann, was ich denn von Bon Jovi halte. Was blieb mir anderes übrig, als voller Inbrunst auszurufen: „Ich liebe Bon Jovi. Ich habe ein Poster von ihm über meinem Bett hängen, das ich jeden Abend vorm Schlafengehen küsse.“ Womit ich auf meine Art darauf hinweise, dass ich Bands/Sänger*innen/Stücke/Bücher nicht danach beurteile, ob sie Mainstream sind. Denn: Wer bestimmt denn, was der (literarische) Kanon ist? Wer bestimmt, welche Werke über Tiefe verfügen? Mich stört der elitäre Sinn für Kunst, in den man leicht verfallen kann, weswegen ich auch Taylor Swift höre. Weil das in dem Sinne schon wieder subversiv ist. 😛

Am gleichen Abend mit der lustigen Kunstdiskussion, nur zu späterer Stunde und mit schwierigerem Thema: Mit C versucht, über Homosexualität zu diskutieren. Das Thema hatte ich mir nicht ausgesucht, das ganze Gespräch eigentlich nicht, aber es hat sich so ergeben. Im Prinzip wusste ich schon vorher, dass C auf eine seltsame Art konservative Ansichten vertritt – seltsam, weil es ihm selbst anscheinend nicht klar ist. Und es folgten die typischen Sätze á la „Ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber…“ und „Ich habe ja auch Freunde, die schwul sind…“ und on top of that: „Aber Homosexualität ist halt eine Störung…“

Und ich habe versucht, ruhig zu erklären (Bartoscheks ‚Mehr Lächeln als andere‘ im Hinterkopf), aber es gelang mir nicht. Auch deswegen nicht, weil mein Gegenüber mich viel lieber unterbricht und mir lautestmöglich in gönnerhaften Ton vordoziert, warum seine Ansicht richtig sei, anstelle mich ausreden zu lassen. Das und die Tatsache, dass er auch schon was getrunken hat, ein normales Gespräch also eh kaum möglich ist, brachte mich dazu, die Diskussion zu beenden – mit der Aussage, dass dieses Gespräch sinnlos sei.

Aber es zeigt sich doch auch, dass C zwar meinte, er würde nicht abwerten, es aber doch tat. Und seine Wortwahl hat ihn verraten (‚Störung‘, die typischen Aber-Argumente BLABLA), noch bevor er mir das Argument lieferte, warum er das so sehe – was dies deutlich zeigte. Und dennoch bestand C darauf, genau das nicht zu tun. Die Tatsache, dass ich dennoch ruhig blieb (im Gegensatz zu ihm, der seine Stimme laut erhoben hatte) und ich schlussendlich die Diskussion beendet habe, hat aber dennoch dazu geführt, dass C nächstens zu einem Freund meinte, ich wäre übersensibel und hysterisch und man könne mit mir über gewisse Themen nicht reden. Wirklichkeitsverzerrung much?

Ein letztes Beispiel noch: mit D habe ich über Politik diskutiert. Während der Diskussion habe ich ihn mehrfach darauf hingewiesen, ob er wisse, welchen Kontext er mit gewissen Formulierungen aufrufe. Ich habe geschrieben, dass ich sentimentalisierter Sprache argwöhnisch gegenüberstehe, und diese Wortwahl ergab sich daraus, dass ich gerade Klemperers LTI gelesen habe. Sehr intellektiv von mir. Und bei jedem zweiten seiner Worte habe ich angemerkt: gefährlich. Worauf ich von D. getriezt wurde, dass ich Angst vor Wörtern habe. Dass ich mal nicht so große Angst davor haben sollte, Wörter zu verwenden, es wären doch nur Wörter. Worüber ich lange nachgedacht habe, ob er denn damit Recht haben könnte. Ob ich ihn nur nicht verstehen würde, weil seine Wortwahl so anders ist als meine (so in etwa wie eine andere Sprache), und ob das, was er damit meint, dasselbe ist was ich damit meine, und es mich nur aufregt, weil er meiner Meinung nach falsche Worte verwendet.

Aber die Zeit hat gezeigt, dass mein erster Eindruck richtig war. Und dass ich auch keine Angst vor Wörtern habe, nur vorsichtig bin, wenn ich weiß, was hinter diesen Wörtern stehen kann: welches Weltbild da hervorlugt; welche Ideologie, sich in den Wörtern verrät. Ich schreibe ‚kann‘, weil eine erste Einschätzung Nachfragen nicht ersetzt: „Wie genau hast du das denn genau gemeint?“

And after that, you can go Ross on her/him:

GEFAHR!! GEFAHR!!!

Und was mich auch nervt, ist, dass die Leute nicht einfach zu ihrem Gedankengut stehen und zumindest zugeben, wer sie sind. Dieses ganze „Ich bin kein Rassist/Nazi/Anti-blablabla…“, der Quatsch á la „Aber ich werte nicht ab.“, wenn doch deutlich aus den Aussagen genau das Gegenteil hervorgeht.

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