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Orwell lässt grüßen?

Es ist en vogue geworden, mit Orwell und 1984, um sich zu werfen, wann auch immer über Überwachung (Big brother is watching you!) oder Sprachveränderungen (Neusprech! Neusprech!) diskutiert wird.

Ein Plädoyer dafür, dass wir damit aufhören, Orwell und seinen Roman für unsere (private) Argumentation zu instrumentalisieren.

‚Orwell am Meeresgrund‘ ist der Titel des Leitartikels der Kleinen Zeitung heute, am Sonntag, dem 23.06. 2013, und dieser reiht sich damit nahtlos ein, in die Reihe der Orwell-Erwähnungen der letzten Tage im Rahmen der Debatte über die Internet-Überwachung durch amerikanische Geheimdienste. Solange ist es aber noch nicht her, als im Zuge der Diskussion über die Streichung des N-Wortes in Kinderbüchern, ausgelöst durch die Ersetzung von Passagen in Texten von Otfried Preußler, immer wieder mit ‚Neusprech‘, der staatlich verordneten Sprache in Orwells Roman, gegen diese Änderungen argumentiert wurde.

Schon längst lässt sich der Autorenname ‚Orwell‘ als Synonym für ‚Überwachung‘ setzen, die Bedingungen in 1984 werden immer wieder als Bedrohungsszenario präsentiert, beide, sowohl der Roman als auch der Autorenname, sind durch die ständige Kontextualisierung leere Begriffe geworden, insofern sie nicht mehr im ursprünglichen historischen Rahmen gesehen werden, sondern durch ihre Nennung nur mehr aktuelle Problematiken aufgerufen werden.

Dabei ist der Vergleich zu Orwells Roman nicht schlüssig: Wird gegen sprachliche Veränderungen aufgrund von ‚political correctnes‘ mit dem vom Staat verordneten Neusprech argumentiert, wird übersehen, dass diese sprachlichen Änderungen, wie etwa im oben erwähnten Kinderbuch, nicht vom Staat verordnet sind. Es wird übersehen, dass es sich dabei nicht um Zensur im eigentlichen Sinn handelt, und dass ein Gebrauch von politisch inkorrekten Wörtern vielleicht gesellschaftliche, aber keine staatlichen Konsequenzen nach sich zieht. (Das ist bezüglich dem Begriff ‚Zensur‘ auch ausführlicher erläutert worden, etwa hier.)

Bezogen auf die Überwachungsproblematik lässt sich hingegen die Frage stellen, inwieweit wir nicht längst über die im Roman dargestellten Verhältnisse hinaus sind, und ob Orwells Roman nicht zu wenig die Bedeutung des genormten Körpers im Blickfeld hat (Biomacht! Biomacht! würde man da intellektuell wohl schreien). In diesem Sinn ist es vielleicht auch an der Zeit neuere dystopische Literatur in Angriff zu nehmen, etwa Juli Zehs ‚Corpus Delicti‘, indem der Staat als Gesundheitsdiktatur geschildert wird, ein Szenario, von dem wir weniger weit entfernt sind.

Orwells Roman wird zumeist reduziert auf die staatliche Überwachung der im Staat Lebenden und die vage Figur des Großen Bruder, der überwacht (Big brother is watching you). Zwar ist das eine zentrale Aussage, aber viel wichtiger ist meiner Meinung nach der Hinweis darauf, dass es gedankliche Freiheit nicht gibt. Während des Romans kann sich Winston zu Beginn nicht vorstellen, den Großen Bruder jemals zu lieben, er und Julia versichern sich, dass, egal was auch passiert, ihre Liebe zueinander niemals enden wird, dass ihre Liebe ihnen nicht weggenommen werden kann. Und am Ende ist genau das geschehen, wovon sie dachten, es könnte nicht passieren. Die Freiheitsberaubung liegt nicht so sehr in der vagen Figur des Großen Bruders und dessen Staatsapparat, sondern vielmehr in uns selbst, in uns als Teil des Ganzen. Und die Warnung, die Orwell uns in seinem Roman mitgibt, ist nicht maßgeblich ‚Big brother is watching you‘, sondern, dass wir uns nicht so sicher sein sollten, dass wir in unseren Gedanken frei sind, dass gedankliche Freiheit nicht etwas ist, woran wir uns festhalten können.

tl;dr: Orwell und 1984 sind keine adäquaten Begriffe für eine Argumentation gegen Überwachung oder was sonst auch immer. Please, leave Orwell alone!

und jetzt… ein wenig Musik: Weil Muse in ihrem Album ‘Resistance’ ‘1984’ so schön intertextuell aufgreifen (und ja, sich für eine künstlerische oder origenelle Verarbeitung auf Texte zu beziehen, ist etwas anderes als, wenn wir das in unserer (privaten) Alltagsargumentation machen): you’ll wake the thought police

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