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Ich will nicht glücklich werden

tl;dr: GLÜCK ist der Gipfel unser konsumorientierten Lebensweise und legt die ganze Verantwortung für ein “glückliches Leben” (so wie in der Werbung!!!) auf den einzelnen Menschen. Gesellschaftliche Strukturen bleiben außen vor. Daraus folgt: Ich will alles, nur nicht Glück.

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“Du wirst nie glücklich werden, wenn du so weitermachst wie bisher.”
“Ich wünsche dir trotz allem, dass du glücklich wirst.”

Was haben diese beiden Sätze gemeinsam? Zum einen verdeutlichen sie, dass “Glück” anscheinend das höchste, wenn nicht sogar das einzige Ziel ist, dass ein Mensch in seinem Leben erreichen sollte. Zum anderen durfte ich mir eine Variation dieser beiden Sätze in den letzten Jahren einige Male anhören. (Dass ich bereits im zweiten Halbsatz dieser Argumentation auf mich und meine eigenen Erfahrungen zu sprechen komme, liegt sicher nicht nur daran, dass das hier ein persönlicher Blog ist, sondern auch daran, dass ich ein “selbst-involviertes, sich selbst bemitleidendes, egoistisches Opfer(1)” bin.)

Und weil das so ist, dass Glück das ist, was wir erreichen sollen oder was wir leben, ist  natürlich auch das schlimmste, was man jemanden ins Gesicht schleudern kann: “Du wirst nie glücklich werden”. Der Nachtrag: “Wenn du so weitermachst wie bisher” schwächt das leicht ab, meint aber im Grunde auch: Mit deiner Weise dein Leben zu führen bin ich nicht einverstanden. Weitaus passiv-aggressiver mutet da die Formulierung “Ich wünsche dir trotz allem, dass du glücklich wirst” an, wenn sie als abschließende Bemerkung in einem Wortgefecht verwendet wird. Ich wüsste nicht, inwieweit ich es irgendwie positiv verstehen könnte, dass man mir Glück wünscht, wenn man mich zuvor als kalt und grausam bezeichnet hat. Warum sollte man abschließend Glück wünschen, wenn nicht nur deswegen, um zu zeigen, dass man trotz allem ein besserer Mensch ist, der selbst der kältesten und grausamsten Person – das bin ich by the way –  nur das beste in ihrem Leben wünscht?

Mein Opa – ein wahrer Spezialist für Streitgespräche – hat als Ausdruck seines Unmuts immer die Formulierung “Dich soll der Teufel holen!” gewählt. Im Grunde meinen beide Sprüche das gleiche, verweisen nur auf einen anderen Hintergrund. Während “Dich soll der Teufel holen” auf eine katholisch geprägte Wirklichkeit und damit auf außerweltliche Richter verweist, zeigt sich in der Formulierung “Du wirst nie glücklich werden”, dass außerweltliche Instanzen keine Bedrohung mehr darstellen, und stattdessen die Hölle auf Erden gewünscht werden muss, um die andere Person zu verletzen.

Das Problem – abgesehen davon, dass ich mir vielleicht irgendwann einmal Gedanken darüber machen sollte, warum ich Menschen so massiv nerve, dass sie mir die Hölle auf Erden wünschen – ist vielmehr, was hinter dieser Verehrung des individuellen Glücks steht, die scheinbar die Verehrung eines Gottes ersetzt hat (2). Dass es ‘individuell’ ist, heißt erstmals, dass die Parameter, die jemand für ein glückliches Leben als wichtig erachtet, unterschiedlich sein können: Das kann von dem klassischen Werbungsbild (happy family, good job, children blablabla) bis hin zu einem Aussteigen aus genau diesem (nomadenhaftes Leben, viel Reisen usw.) alles beinhalten. Gemeinsam ist jedoch, dass der Grundsatz lautet: “Du bist selbst dafür verantwortlich, ein glückliches Leben zu führen. Wenn du nicht glücklich bist, dann liegt das nur an einer Person: nämlich an dir selbst.” Das ist problematisch, passt aber perfekt in das kapitalistische, konsumorientierte System(3), in dem wir leben. Es werden dadurch alle Strukturen (prekäre Situationen in Berufsfeldern, fragliche Schönheitsdiktate…) ausgeblendet. Ich sage bewusst, ausgeblendet, weil sie damit aus dem Fokus geraten (Sie sind zu offensichtlich, als dass sie vollständig negiert werden könnten): Es wird dadurch behauptet, es sei wichtiger, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu optimieren, als am System etwas zu verbessern (Das ist natürlich für das System an sich super). Des Weiteren erlaubt der Grundsatz auch nicht, dass man zusammenarbeitet. Wenn jeder daran arbeitet, sich selbst zu optimieren, dann bleibt wenig bis kaum Zeit dazu, sich zu organisieren. Die Veränderung des Systems (im Sinne von den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Strukturen usw.) gerät zugunsten der Veränderung von sich selbst in den Hintergrund. Zugleich folgt auch, dass jemand, der scheitert, nicht aufgrund von vorherrschenden Strukturen (zB eines schlechten Bildungssystems) scheitert, sondern nur deswegen, weil er nicht hart genug an sich selbst gearbeitet hat; weil er sich nicht genug angestrengt hat. Im Grunde ist es nichts anderes als zu biblischen Zeiten: Während früher bei schlechten Ereignissen (Krankheit, Jobverlust usw.) im Leben die Menschen das als eine gerechtfertigte Bestrafung Gottes angesehen haben, wird heutzutage der Mensch selbst als alleine verantwortlich für sein Leid gesehen.

Dass an sich wäre schon problematisch genug, hinzu kommt aber noch, dass durch die Anbetung von Glück und das Wegfallen einer außerweltlichen Richterinstanz (Gott), viele Menschen sich selbst an die Stelle von Gott gesetzt haben. Auch das ist logisch aus dem Grundsatz ableitbar: “Wenn jeder Mensch selbst für sein Glück verantwortlich ist, und dass auch an die These gebunden ist, dass es auch jeder Mensch erreichen kann, glücklich zu sein, weil er ja tun und lassen kann, was er will, dann ist man ja gottähnlich.” Hat man Anlaufschwierigkeiten und muss erst lernen, wie man das schafft, dann gibt es ja glücklicherweise einen riesigen Markt an Selbsthilfebüchern, Selbstfindungsseminaren oder spirituelle Gurus, die einem den Weg weisen. Und auch wenn es an sich schon moralisch bedenklich ist, aus dem Leiden der Menschen Kapital zu schlagen, indem man ihnen “Glück” verspricht, dann ist es gefährlich, welche neuen Strukturen und Systeme vor allem esoterische Strömungen schaffen und etablieren, die Menschen scheinbar einen Weg zur Erleuchtung weisen. Das heißt, es wird ein hierarchisches System erschaffen, in dem sich diese Menschen auf ihrer Suche nach Erleuchtung bewegen. Ist jemand nicht glücklich, dann heißt das, er hat noch nicht eine Ebene erreicht, auf der er sein Leben/seine Fehler klar sehen kann. Ein Mensch, der scheinbar schon erleuchtet ist, wird auf die Probleme dann nicht eingehen, sondern nur sagen: “Das verstehst du jetzt noch nicht./Du bist das Problem, nicht deine Umwelt” Oder auf berechtigte Einwände in einer Argumentation sagen: “Du siehst das nur nicht richtig, weil du die Wahrheit nicht erkennen kannst.” Eine Diskussion mit einem “Erleuchteten” ist also an sich nervig. Bedenklich ist aber nicht nur das, sondern auch, wie sehr Esoterik von rechten Strömungen (Stichwort: braune Esoterik) durchwandert ist (4).

Diese Tendenzen führen dazu, dass ich individuelles Glück als nicht besonders erstrebenswert erachten kann. Mein Ziel ist es nicht, in einer Welt wie dieser hier so glücklich wie möglich zu werden, sondern sie – soweit es mir möglich ist – zu verändern. Wenn ich also jemals von mir behaupten sollte “Ich bin glücklich” und damit dieses selbstoptimierte, konsumorientierte, individualistische Glück meinen sollte, dass momentan als so erstrebenswert gilt, dann zähle ich ernsthaft darauf, dass das der Moment sein möge, in dem mich der Teufel holen kommt.

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(1) Ich gehe jetzt nicht darauf ein, wie bizarr sich der Gebrauch des Wortes “Opfer” entwickelt hat und was das eigentlich über unsere Gesellschaft aussagt und wieso ich dagegen bin, es zu verwenden. EVER. Aber irgendjemand sollte mal ein Buch darüber schreiben oder vielleicht hat auch irgendjemand schon ein Buch darüber geschrieben und ich weiß es halt nicht, weil ich so ein OPFER bin.

(2) Ich merke es an, aber es ist klar, dass ich hier nicht von einem weltweiten Phänomen spreche, sondern von einem, dass ich in meiner Lebensrealität in Österreich beobachten kann.

(3) Ich verwende hier System und Strukturen sehr vage. Das sollte mal wer kritisieren und mir Unglück wünschen.

(4) Darauf gehe ich nicht ein (stating the obvious). Aber es gibt ja Google.