moira, für mich

ein schwelbrand in all den symbolischen repräsentationen werden.

ICH WERDE MICH NIE

als autorin bezeichnen. ich werde mich nicht eine schriftstellerin nennen. diese masken sollen die anderen tragen. wenn ich mich selbst setzen muss, dann als schreiberin. ich bin also eine schreiberin. die geschichten wählten diesen namen zuerst für mich, später fand ich ihn selbst theoretisch wieder. wenn ich schreibe, dann schreibe ich zerstörerisch, schreibend sollen bilder zerbrechen, keine neuen entstehen, wenn ich schreibe, schreibe ich geschichten, die keine geschichten erzählen, sondern die zählen (sollen), und daran scheitere ich, als schreiberin, ich scheitere immer, im text.

SEI NICHT SO,

bedeutet: sei so nicht. ich bin eine hysterikerin. mein schreiben ist nicht-schreiben ist schreiben, meine sprache ist, keine sprache zu besitzen, jegliches sprechen wurde mir verboten, ich bin also inkohärent, ich bin also inkonsequent, weil. ich nicht sein kann, ich nicht sein darf, und. ich habe keinen namen, nie. was von mir bleibt, ist angst ist verstörung sind studien, sind betrachtungen über die hysterikerin, wenn. auf jedes “jetzt sei mal nicht so HYSTERISCH”, antworte ich nur, dass ist alles, was ich je bin, gegenwärtig, was ich je sein kann, zukünftig, was ich je will.

DURCH FREMDE TEXTWELTEN

ziehe ich und plündere, weil. ich bin eine räuberin, aber nicht irgendeine X-beliebige, nein, ich bin die meisterräuberin, diejenige, welche. meine waffe ist, dass ich weiß, wie man mit einer axt umgeht. wenn mich ein narrativ langweilen sollte, dann zerhacke ich es zu brennholz für meine geschichten. keine welt ist vor mir sicher, ich kann mich in jeden gedanken hineinschreiben, ich kann mich in jede wirklichkeit einschreiben, mit bleistift, 9H, hinterlasse ich nur spuren, wenn ich es so will, wenn nicht, dann. lösche ich alles hinter mir aus, raubend bin ich, grausam.

“LEG ALLE GESCHICHTEN AB,

und tritt ein”, steht auf der fußmatte vor meinem elfenbeinturm, das heißt, sich nicht vorstellen, wenn die türe aufgeht, sich nicht vorstellen, wenn die türe sich hinter einem schließt, sich einmalig nicht vorstellen, während man die wendeltreppe in meine höhe steigt, NICHT ERZÄHLEND SEIN, im turmzimmer.

ich weiß, ja, dass ist schwierig, ich weiß, weil. ich trage auch geschichten wie kleider, ich als kühle intellektuelle – in schwarz, rauchend, aber ich rauche nicht, wiederholend, ich als verträumte lyrikerin – ein blümchenkleid, einen RILKE-gedichtband als accessoire, wiederholend, ich als cool girl – mit kurzem schwarzen rock und einer flasche puntigamer, wiederholend, ich als lady in red – im dunkelroten samtkleid mit einer axt in meinen händen, wiederholend, ich als, ich als, ich und.

ich fordere auch auf, jemanden anzuprobieren, für mich, wenn ich flüstere “sei mein bad boy, sei mein meisterdieb, sei hyperion”, ich weiß, ja, ich stelle auch vor, ich verstelle auch, viel zu oft, den blick, sobald ich aus dem elfenbeinturm in die welt trete, will ich, viel zu oft, nur eine Echo, für jemanden, sein, aber.

im elfenbeinturm, in meinem eigentum, da trage ich keine masken, da erzähle ich keine geschichten, nur was ich bin, lege ich auch hier nie ab: ich bin SCHREIBEND, HYSTERISCH, RAUBEND, aber.

SCHAU,

weil. wer ich bin, kannst du nur erkennen, wenn du vom text aufblickst und mich ansiehst.

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über:schreiben

ERSCHEINUNGSRÄUME

in erscheinung zu treten, öffentlich zu sprechen, zu handeln als schreiberin ist etwas, das ich erst seit einem jahr tatsächlich tue. wenn ich davor auf meinem blog texte online gestellt habe, dann blieb ich als schreiberin hinter diesen verborgen, ich gab bewusst nichts weiteres von mir preis und das habe ich im vorigen jahr mit twitter, öffentlichen auftritten und der publikation meiner texte in literaturzeitschriften ua verändert.

diese veränderung vollzog ich bewusst, das heißt, der gedanke, einen öffentlichen raum einzunehmen, mit meinem schreiben, ging dieser veränderung voraus, es war demnach nichts, was sich einfach so ergab, sondern etwas, das ich wollte, obwohl es der wahrheit, die ich verinnerlicht hatte – nämlich: keine blicke auf mich zu lenken, weil das für mich gefährlich ist – widersprach. dieses unsichtbar-sein-zu-wollen ist, nach wie vor, tief in mir verankert, es erscheint mir natürlich, indem ich also mich in einem raum positioniere, überschreite ich natürliche grenzen, ich zerreiße mich

IN STÜCKE

ich habe also, wenn auch in einer sehr kleinen reichweite, blicke auf mich gezogen, und die wahrheit, die ich verinnerlicht hatte, dass das gefährlich für mich sei, hat sich natürlich bestätigt, sodass ich mehr als einmal während des jahres überlegt habe, ob es mir das wert sein kann, ob der austausch mit anderen schreiber*innen und die textkritik es mir wert sein kann, wenn zugleich mein ich so bedroht wird, dass diese grenzüberschreitung für mich einen dauernden ausnahmezustand (für meinen körper) darstellt, eine ständige wachsamkeit und überreiztheit nach sich zieht, die zeitweise nur schwer zu ertragen ist (für mich und für andere, die ich ins vertrauen ziehe)

diese bedrohungen, die ich erlebte, fingen an im kleinen, eigentlich leicht zu übergehendem, wie vermeintlicher textkritik, die jedoch nichts anderes als beleidigung war (“nur weil sie wörter aneinanderreihen ist das keine literatur”), was ich im übrigen eben nicht in der lage war, leicht zu überwinden. schwerwiegender, wofür ich noch bessere handlungsstrategien suche, die übliche gleichsetzung von text und schreiberin, nur, dass es dabei natürlich nicht bei der gleichsetzung bleibt (damit könnte ich leben), sondern auch manchmal von der erlaubnis einen text zu lesen/zu hören auf die schreiberin zu “lesen” (ficken) geschlossen wird —

DER ELEFANT IM RAUM

im übrigen, genau deswegen, auch texte über sex schreiben, dieses zusammenfallen von text und schreiberin zu übertreiben, weil bei einem text über sex die blicke auf mich als schreiberin im text zusammenfallen, darin liegt im übrigen für mich keinerlei selbstermächtigung, auch wenn ich es mir vorspielen, natürlich vorspielen könnte, für einen augenblick. vielmehr nutze ich den einzigen spielraum, der mir widerstandslos überlassen wird, nämlich den blick selbst darauf, und ausschließlich darauf zu lenken, wohin er ohne mein zutun ohnehin später oder früher natürlich fallen würde, nämlich: auf mein geschlecht.

was mir bleibt, ist, eben genau das zu persiflieren, zu übertreiben, manchmal keinen anderen blick, als den auf meine sexualität zuzulassen, eben auch, indem ich die weibliche figuren in texten sich selbst objektivieren lasse oder in weiterer folge indem ich mich selbst auf fotografien so objektiviere, dass dieser vorgang, mich als objekt einer begierde im blick zu fixieren, nur mehr nachvollzogen, nicht aktiv selbst produziert werden kann, weil ich die objektivierung durch den von mir gewählten bildausschnitt bereits vorweggenommen habe

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IM ELFENBEINTURM

resümierend, dass ich, trotz dieser risse durch mich, die durch die überschreitung meiner grenze entstehen; trotz dieser natürlichen bedrohung die mit der sichtbarkeit im öffentlichen raum – in welcher form auch immer – einhergeht, doch der wunsch, genau dies weiter zu sein: SICHTBAR, denn. was ich auch gelernt habe, in diesem jahr, ist, dass ich dieser gefahr gewachsen bin, dass ich genügend verbündete habe, um (gemeinsam) handeln, um sprechen, um erscheinen zu können

damit das möglich ist, habe ich meinen, der öffentlichkeit entzogenen, rückzugsort, der mein eigentum ist, meinen elfenbeinturm, über dessen fenster ich gedichte geklebt habe, in dessen höhe ich mich zuhause fühlen kann, in den ich mich zurückziehe und die welt ausblende, wenn sie mich bedroht; der als bild dafür steht, was er für mich ist: ein elfenbeinturm

Ich will nicht glücklich werden

tl;dr: GLÜCK ist der Gipfel unser konsumorientierten Lebensweise und legt die ganze Verantwortung für ein “glückliches Leben” (so wie in der Werbung!!!) auf den einzelnen Menschen. Gesellschaftliche Strukturen bleiben außen vor. Daraus folgt: Ich will alles, nur nicht Glück.

***

“Du wirst nie glücklich werden, wenn du so weitermachst wie bisher.”
“Ich wünsche dir trotz allem, dass du glücklich wirst.”

Was haben diese beiden Sätze gemeinsam? Zum einen verdeutlichen sie, dass “Glück” anscheinend das höchste, wenn nicht sogar das einzige Ziel ist, dass ein Mensch in seinem Leben erreichen sollte. Zum anderen durfte ich mir eine Variation dieser beiden Sätze in den letzten Jahren einige Male anhören. (Dass ich bereits im zweiten Halbsatz dieser Argumentation auf mich und meine eigenen Erfahrungen zu sprechen komme, liegt sicher nicht nur daran, dass das hier ein persönlicher Blog ist, sondern auch daran, dass ich ein “selbst-involviertes, sich selbst bemitleidendes, egoistisches Opfer(1)” bin.)

Und weil das so ist, dass Glück das ist, was wir erreichen sollen oder was wir leben, ist  natürlich auch das schlimmste, was man jemanden ins Gesicht schleudern kann: “Du wirst nie glücklich werden”. Der Nachtrag: “Wenn du so weitermachst wie bisher” schwächt das leicht ab, meint aber im Grunde auch: Mit deiner Weise dein Leben zu führen bin ich nicht einverstanden. Weitaus passiv-aggressiver mutet da die Formulierung “Ich wünsche dir trotz allem, dass du glücklich wirst” an, wenn sie als abschließende Bemerkung in einem Wortgefecht verwendet wird. Ich wüsste nicht, inwieweit ich es irgendwie positiv verstehen könnte, dass man mir Glück wünscht, wenn man mich zuvor als kalt und grausam bezeichnet hat. Warum sollte man abschließend Glück wünschen, wenn nicht nur deswegen, um zu zeigen, dass man trotz allem ein besserer Mensch ist, der selbst der kältesten und grausamsten Person – das bin ich by the way –  nur das beste in ihrem Leben wünscht?

Mein Opa – ein wahrer Spezialist für Streitgespräche – hat als Ausdruck seines Unmuts immer die Formulierung “Dich soll der Teufel holen!” gewählt. Im Grunde meinen beide Sprüche das gleiche, verweisen nur auf einen anderen Hintergrund. Während “Dich soll der Teufel holen” auf eine katholisch geprägte Wirklichkeit und damit auf außerweltliche Richter verweist, zeigt sich in der Formulierung “Du wirst nie glücklich werden”, dass außerweltliche Instanzen keine Bedrohung mehr darstellen, und stattdessen die Hölle auf Erden gewünscht werden muss, um die andere Person zu verletzen.

Das Problem – abgesehen davon, dass ich mir vielleicht irgendwann einmal Gedanken darüber machen sollte, warum ich Menschen so massiv nerve, dass sie mir die Hölle auf Erden wünschen – ist vielmehr, was hinter dieser Verehrung des individuellen Glücks steht, die scheinbar die Verehrung eines Gottes ersetzt hat (2). Dass es ‘individuell’ ist, heißt erstmals, dass die Parameter, die jemand für ein glückliches Leben als wichtig erachtet, unterschiedlich sein können: Das kann von dem klassischen Werbungsbild (happy family, good job, children blablabla) bis hin zu einem Aussteigen aus genau diesem (nomadenhaftes Leben, viel Reisen usw.) alles beinhalten. Gemeinsam ist jedoch, dass der Grundsatz lautet: “Du bist selbst dafür verantwortlich, ein glückliches Leben zu führen. Wenn du nicht glücklich bist, dann liegt das nur an einer Person: nämlich an dir selbst.” Das ist problematisch, passt aber perfekt in das kapitalistische, konsumorientierte System(3), in dem wir leben. Es werden dadurch alle Strukturen (prekäre Situationen in Berufsfeldern, fragliche Schönheitsdiktate…) ausgeblendet. Ich sage bewusst, ausgeblendet, weil sie damit aus dem Fokus geraten (Sie sind zu offensichtlich, als dass sie vollständig negiert werden könnten): Es wird dadurch behauptet, es sei wichtiger, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu optimieren, als am System etwas zu verbessern (Das ist natürlich für das System an sich super). Des Weiteren erlaubt der Grundsatz auch nicht, dass man zusammenarbeitet. Wenn jeder daran arbeitet, sich selbst zu optimieren, dann bleibt wenig bis kaum Zeit dazu, sich zu organisieren. Die Veränderung des Systems (im Sinne von den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Strukturen usw.) gerät zugunsten der Veränderung von sich selbst in den Hintergrund. Zugleich folgt auch, dass jemand, der scheitert, nicht aufgrund von vorherrschenden Strukturen (zB eines schlechten Bildungssystems) scheitert, sondern nur deswegen, weil er nicht hart genug an sich selbst gearbeitet hat; weil er sich nicht genug angestrengt hat. Im Grunde ist es nichts anderes als zu biblischen Zeiten: Während früher bei schlechten Ereignissen (Krankheit, Jobverlust usw.) im Leben die Menschen das als eine gerechtfertigte Bestrafung Gottes angesehen haben, wird heutzutage der Mensch selbst als alleine verantwortlich für sein Leid gesehen.

Dass an sich wäre schon problematisch genug, hinzu kommt aber noch, dass durch die Anbetung von Glück und das Wegfallen einer außerweltlichen Richterinstanz (Gott), viele Menschen sich selbst an die Stelle von Gott gesetzt haben. Auch das ist logisch aus dem Grundsatz ableitbar: “Wenn jeder Mensch selbst für sein Glück verantwortlich ist, und dass auch an die These gebunden ist, dass es auch jeder Mensch erreichen kann, glücklich zu sein, weil er ja tun und lassen kann, was er will, dann ist man ja gottähnlich.” Hat man Anlaufschwierigkeiten und muss erst lernen, wie man das schafft, dann gibt es ja glücklicherweise einen riesigen Markt an Selbsthilfebüchern, Selbstfindungsseminaren oder spirituelle Gurus, die einem den Weg weisen. Und auch wenn es an sich schon moralisch bedenklich ist, aus dem Leiden der Menschen Kapital zu schlagen, indem man ihnen “Glück” verspricht, dann ist es gefährlich, welche neuen Strukturen und Systeme vor allem esoterische Strömungen schaffen und etablieren, die Menschen scheinbar einen Weg zur Erleuchtung weisen. Das heißt, es wird ein hierarchisches System erschaffen, in dem sich diese Menschen auf ihrer Suche nach Erleuchtung bewegen. Ist jemand nicht glücklich, dann heißt das, er hat noch nicht eine Ebene erreicht, auf der er sein Leben/seine Fehler klar sehen kann. Ein Mensch, der scheinbar schon erleuchtet ist, wird auf die Probleme dann nicht eingehen, sondern nur sagen: “Das verstehst du jetzt noch nicht./Du bist das Problem, nicht deine Umwelt” Oder auf berechtigte Einwände in einer Argumentation sagen: “Du siehst das nur nicht richtig, weil du die Wahrheit nicht erkennen kannst.” Eine Diskussion mit einem “Erleuchteten” ist also an sich nervig. Bedenklich ist aber nicht nur das, sondern auch, wie sehr Esoterik von rechten Strömungen (Stichwort: braune Esoterik) durchwandert ist (4).

Diese Tendenzen führen dazu, dass ich individuelles Glück als nicht besonders erstrebenswert erachten kann. Mein Ziel ist es nicht, in einer Welt wie dieser hier so glücklich wie möglich zu werden, sondern sie – soweit es mir möglich ist – zu verändern. Wenn ich also jemals von mir behaupten sollte “Ich bin glücklich” und damit dieses selbstoptimierte, konsumorientierte, individualistische Glück meinen sollte, dass momentan als so erstrebenswert gilt, dann zähle ich ernsthaft darauf, dass das der Moment sein möge, in dem mich der Teufel holen kommt.

***

(1) Ich gehe jetzt nicht darauf ein, wie bizarr sich der Gebrauch des Wortes “Opfer” entwickelt hat und was das eigentlich über unsere Gesellschaft aussagt und wieso ich dagegen bin, es zu verwenden. EVER. Aber irgendjemand sollte mal ein Buch darüber schreiben oder vielleicht hat auch irgendjemand schon ein Buch darüber geschrieben und ich weiß es halt nicht, weil ich so ein OPFER bin.

(2) Ich merke es an, aber es ist klar, dass ich hier nicht von einem weltweiten Phänomen spreche, sondern von einem, dass ich in meiner Lebensrealität in Österreich beobachten kann.

(3) Ich verwende hier System und Strukturen sehr vage. Das sollte mal wer kritisieren und mir Unglück wünschen.

(4) Darauf gehe ich nicht ein (stating the obvious). Aber es gibt ja Google.

Wörter sind gefährlich.

„Aber so meine ich das doch nicht,“ höre ich als Antwort. Oftmals. Wenn ich der Versuchung erliege, eine andere Person im Gespräch darauf hinzuweisen, was da gerade in ihren Worten mitgeschwungen hat. Die Aussage ist ein Abwehrreflex, eine Verteidigung. Als könnte die Sprecherin allein darüber entscheiden, welche Bedeutung ihre Aussagen haben. NOT.

In manchen Fällen ist das nicht besorgniserregend. In so einer Situation beispielsweise: Gruppe sitzt gemütlich bei einem Bier, und philosophiert schön intellektiv über die schönen Künste. A lästert mit B über Bon Jovi und fragt mich dann, was ich denn von Bon Jovi halte. Was blieb mir anderes übrig, als voller Inbrunst auszurufen: „Ich liebe Bon Jovi. Ich habe ein Poster von ihm über meinem Bett hängen, das ich jeden Abend vorm Schlafengehen küsse.“ Womit ich auf meine Art darauf hinweise, dass ich Bands/Sänger*innen/Stücke/Bücher nicht danach beurteile, ob sie Mainstream sind. Denn: Wer bestimmt denn, was der (literarische) Kanon ist? Wer bestimmt, welche Werke über Tiefe verfügen? Mich stört der elitäre Sinn für Kunst, in den man leicht verfallen kann, weswegen ich auch Taylor Swift höre. Weil das in dem Sinne schon wieder subversiv ist. 😛

Am gleichen Abend mit der lustigen Kunstdiskussion, nur zu späterer Stunde und mit schwierigerem Thema: Mit C versucht, über Homosexualität zu diskutieren. Das Thema hatte ich mir nicht ausgesucht, das ganze Gespräch eigentlich nicht, aber es hat sich so ergeben. Im Prinzip wusste ich schon vorher, dass C auf eine seltsame Art konservative Ansichten vertritt – seltsam, weil es ihm selbst anscheinend nicht klar ist. Und es folgten die typischen Sätze á la „Ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber…“ und „Ich habe ja auch Freunde, die schwul sind…“ und on top of that: „Aber Homosexualität ist halt eine Störung…“

Und ich habe versucht, ruhig zu erklären (Bartoscheks ‚Mehr Lächeln als andere‘ im Hinterkopf), aber es gelang mir nicht. Auch deswegen nicht, weil mein Gegenüber mich viel lieber unterbricht und mir lautestmöglich in gönnerhaften Ton vordoziert, warum seine Ansicht richtig sei, anstelle mich ausreden zu lassen. Das und die Tatsache, dass er auch schon was getrunken hat, ein normales Gespräch also eh kaum möglich ist, brachte mich dazu, die Diskussion zu beenden – mit der Aussage, dass dieses Gespräch sinnlos sei.

Aber es zeigt sich doch auch, dass C zwar meinte, er würde nicht abwerten, es aber doch tat. Und seine Wortwahl hat ihn verraten (‚Störung‘, die typischen Aber-Argumente BLABLA), noch bevor er mir das Argument lieferte, warum er das so sehe – was dies deutlich zeigte. Und dennoch bestand C darauf, genau das nicht zu tun. Die Tatsache, dass ich dennoch ruhig blieb (im Gegensatz zu ihm, der seine Stimme laut erhoben hatte) und ich schlussendlich die Diskussion beendet habe, hat aber dennoch dazu geführt, dass C nächstens zu einem Freund meinte, ich wäre übersensibel und hysterisch und man könne mit mir über gewisse Themen nicht reden. Wirklichkeitsverzerrung much?

Ein letztes Beispiel noch: mit D habe ich über Politik diskutiert. Während der Diskussion habe ich ihn mehrfach darauf hingewiesen, ob er wisse, welchen Kontext er mit gewissen Formulierungen aufrufe. Ich habe geschrieben, dass ich sentimentalisierter Sprache argwöhnisch gegenüberstehe, und diese Wortwahl ergab sich daraus, dass ich gerade Klemperers LTI gelesen habe. Sehr intellektiv von mir. Und bei jedem zweiten seiner Worte habe ich angemerkt: gefährlich. Worauf ich von D. getriezt wurde, dass ich Angst vor Wörtern habe. Dass ich mal nicht so große Angst davor haben sollte, Wörter zu verwenden, es wären doch nur Wörter. Worüber ich lange nachgedacht habe, ob er denn damit Recht haben könnte. Ob ich ihn nur nicht verstehen würde, weil seine Wortwahl so anders ist als meine (so in etwa wie eine andere Sprache), und ob das, was er damit meint, dasselbe ist was ich damit meine, und es mich nur aufregt, weil er meiner Meinung nach falsche Worte verwendet.

Aber die Zeit hat gezeigt, dass mein erster Eindruck richtig war. Und dass ich auch keine Angst vor Wörtern habe, nur vorsichtig bin, wenn ich weiß, was hinter diesen Wörtern stehen kann: welches Weltbild da hervorlugt; welche Ideologie, sich in den Wörtern verrät. Ich schreibe ‚kann‘, weil eine erste Einschätzung Nachfragen nicht ersetzt: „Wie genau hast du das denn genau gemeint?“

And after that, you can go Ross on her/him:

GEFAHR!! GEFAHR!!!

Und was mich auch nervt, ist, dass die Leute nicht einfach zu ihrem Gedankengut stehen und zumindest zugeben, wer sie sind. Dieses ganze „Ich bin kein Rassist/Nazi/Anti-blablabla…“, der Quatsch á la „Aber ich werte nicht ab.“, wenn doch deutlich aus den Aussagen genau das Gegenteil hervorgeht.

[watching] Solomons Ted Talk

But the truth lies.

… ist ein Zitat aus Solomons Ted Talk über ‘Depressionen’ – absolute Empfehlung, sich diesen as-soon-as-possible reinzuziehen – ist zwar zu Beginn etwas holprig, steigert sich aber im Verlauf des Talks ins Unermessliche, bis zum Klimax, der Aussage: ‘But the truth lies.’

Unabhängig vom Thema ‘Depression’ trifft diese Aussage aber auch auf andere Bereiche im Leben zu: Das, wovon wir überzeugt sind, ist oftmals nur unsere Meinung. Wie wir selbst die Welt sehen, unsere Perspektive, ist nicht wahr, sondern verzerrt. Sich auf etwas zu versteifen, darauf zu bestehen, dass etwas die absolute Wahrheit ist, kann unser Sichtfeld einengen, uns beschränken, dazu führen, dass wir keinen Weg mehr sehen.

[reading] alles ist grün | girl with curious hair

„Er sagte, er wäre bereit, mich mitzunehmen. Und als ich fragte, wohin, wurde er wütend.“ (Hier und dort: 23)

Texte von David Foster Wallace lesen, ja klar. Texte von David Foster Wallace verstehen, nein niemals, aber das macht nichts, weil die einzelnen Sätze für sich schon genug bedeuten, dass man nicht noch darüber hinausgehen muss, aber können: absolument.

„Wie kannst du das alles sagen, wie du dich fühlst, wenn da draußen alles so grün ist.“ (Alles ist grün: 74)

Texte von David Foster Wallace lesen fühlt sich an wie wenn ich Texte von Ernest Hemingway, weil ich will zwar weiterlesen, und trotzdem nicht wissen, was passieren wird, weil das viel zu real wird im Kopf.

This is water.“

David Foster Wallace: Alles ist grün. Storys. Aus dem amerikanischen Englisch v. Ulrich Blumenbach. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2011.

Orwell lässt grüßen?

Es ist en vogue geworden, mit Orwell und 1984, um sich zu werfen, wann auch immer über Überwachung (Big brother is watching you!) oder Sprachveränderungen (Neusprech! Neusprech!) diskutiert wird.

Ein Plädoyer dafür, dass wir damit aufhören, Orwell und seinen Roman für unsere (private) Argumentation zu instrumentalisieren.

‚Orwell am Meeresgrund‘ ist der Titel des Leitartikels der Kleinen Zeitung heute, am Sonntag, dem 23.06. 2013, und dieser reiht sich damit nahtlos ein, in die Reihe der Orwell-Erwähnungen der letzten Tage im Rahmen der Debatte über die Internet-Überwachung durch amerikanische Geheimdienste. Solange ist es aber noch nicht her, als im Zuge der Diskussion über die Streichung des N-Wortes in Kinderbüchern, ausgelöst durch die Ersetzung von Passagen in Texten von Otfried Preußler, immer wieder mit ‚Neusprech‘, der staatlich verordneten Sprache in Orwells Roman, gegen diese Änderungen argumentiert wurde.

Schon längst lässt sich der Autorenname ‚Orwell‘ als Synonym für ‚Überwachung‘ setzen, die Bedingungen in 1984 werden immer wieder als Bedrohungsszenario präsentiert, beide, sowohl der Roman als auch der Autorenname, sind durch die ständige Kontextualisierung leere Begriffe geworden, insofern sie nicht mehr im ursprünglichen historischen Rahmen gesehen werden, sondern durch ihre Nennung nur mehr aktuelle Problematiken aufgerufen werden.

Dabei ist der Vergleich zu Orwells Roman nicht schlüssig: Wird gegen sprachliche Veränderungen aufgrund von ‚political correctnes‘ mit dem vom Staat verordneten Neusprech argumentiert, wird übersehen, dass diese sprachlichen Änderungen, wie etwa im oben erwähnten Kinderbuch, nicht vom Staat verordnet sind. Es wird übersehen, dass es sich dabei nicht um Zensur im eigentlichen Sinn handelt, und dass ein Gebrauch von politisch inkorrekten Wörtern vielleicht gesellschaftliche, aber keine staatlichen Konsequenzen nach sich zieht. (Das ist bezüglich dem Begriff ‚Zensur‘ auch ausführlicher erläutert worden, etwa hier.)

Bezogen auf die Überwachungsproblematik lässt sich hingegen die Frage stellen, inwieweit wir nicht längst über die im Roman dargestellten Verhältnisse hinaus sind, und ob Orwells Roman nicht zu wenig die Bedeutung des genormten Körpers im Blickfeld hat (Biomacht! Biomacht! würde man da intellektuell wohl schreien). In diesem Sinn ist es vielleicht auch an der Zeit neuere dystopische Literatur in Angriff zu nehmen, etwa Juli Zehs ‚Corpus Delicti‘, indem der Staat als Gesundheitsdiktatur geschildert wird, ein Szenario, von dem wir weniger weit entfernt sind.

Orwells Roman wird zumeist reduziert auf die staatliche Überwachung der im Staat Lebenden und die vage Figur des Großen Bruder, der überwacht (Big brother is watching you). Zwar ist das eine zentrale Aussage, aber viel wichtiger ist meiner Meinung nach der Hinweis darauf, dass es gedankliche Freiheit nicht gibt. Während des Romans kann sich Winston zu Beginn nicht vorstellen, den Großen Bruder jemals zu lieben, er und Julia versichern sich, dass, egal was auch passiert, ihre Liebe zueinander niemals enden wird, dass ihre Liebe ihnen nicht weggenommen werden kann. Und am Ende ist genau das geschehen, wovon sie dachten, es könnte nicht passieren. Die Freiheitsberaubung liegt nicht so sehr in der vagen Figur des Großen Bruders und dessen Staatsapparat, sondern vielmehr in uns selbst, in uns als Teil des Ganzen. Und die Warnung, die Orwell uns in seinem Roman mitgibt, ist nicht maßgeblich ‚Big brother is watching you‘, sondern, dass wir uns nicht so sicher sein sollten, dass wir in unseren Gedanken frei sind, dass gedankliche Freiheit nicht etwas ist, woran wir uns festhalten können.

tl;dr: Orwell und 1984 sind keine adäquaten Begriffe für eine Argumentation gegen Überwachung oder was sonst auch immer. Please, leave Orwell alone!

und jetzt… ein wenig Musik: Weil Muse in ihrem Album ‘Resistance’ ‘1984’ so schön intertextuell aufgreifen (und ja, sich für eine künstlerische oder origenelle Verarbeitung auf Texte zu beziehen, ist etwas anderes als, wenn wir das in unserer (privaten) Alltagsargumentation machen): you’ll wake the thought police